Corona auf Oculus – Kapitel 131: Monica

Yang Zicang riss das »Medwedew«-Gesicht von seiner Haut, warf sich aus dem Bett und stürzte durch die Tür.

Seine Erinnerung flutete zurück – er war in jener Illusion für Gott weiß wie viele Tage gefangen gewesen.

Beim ersten Mal hatte Bai Yuxian ihn beinahe wachgerüttelt, aber im kritischen Moment tauchten die Gesichter seiner Eltern auf, und er ertrank zurück in die Trance. Beim zweiten Mal – wären nicht Soldaten in Verfolgung gewesen – hätte er sich niemals so sauber herausgekämpft.

»Wenn der Armeeoberst mich aufgespürt hat, kann er Wagg genauso leicht finden.«

Er hämmerte an die Tür des Zimmers im vierten Stock nebenan. Keine Antwort.

Yang Zicang wirbelte herum und sprintete die Treppe hinunter, genau in dem Moment, als He Yishu und ein kürzlich ins Gasthaus zurückgekehrter »Familienbruder« auf den Korridoreingang zustürmten, Waffen bereits in der Hand.

»Ah, es ist der Vorsitzende.«

»Schnell, kommt mit. Bereitet Euch aufs Bieten vor!«

»Was ist los?«

»Keine Zeit. Wagg könnte in Gefahr sein!«

Er durfte unter keinen Umständen zulassen, dass der Schlüssel jenes Zimme­rmieters in die Hände von Soldaten fiel.

Er hatte recht.

In einem Zimmer, so wütend hell, vollgestopft mit elektrischen Birnen und Kerzen, dass selbst Schatten kaum zu überleben vermochten, hing Wagg schwach gegen die Fesseln eines Gefangenenstuhls.

Vor ihm warf ein Mann in grauschwarzer Kleidung mit dunkelkarmesinroten Paspeln an Kragen und Nähten ein Dokument auf die Tischplatte.

»Eure Einladungsquote für Euer Gasthauszimmer in diesem Monat – Ihr habt immer noch keine verschickt. Erklärt Euch.«

Der Vernehmer, Siphas Rosales, hatte Haar, steif wie eine Löwenmähne, und Augen, die sich in einen Mann bohrten wie ein Bohrer: kompromisslos, chirurgisch, unerschöpflich.

»Hat jener neue Nebelmann, Yang Buchen, Euch wahrhaftig in diesen Zustand reduziert?«

Zzzzzt…

Ein feiner elektrischer Strom schoss aus dem Stuhl empor und scheuerte durch Waggs zitternden Leib. Die Chronos-Phantomflamme über seinen Körper zuckte zweimal, dann erlosch sie.

»Ihr… könntet nicht annähernd ermessen… was es allein kostet, die Zimmer aufrechtzuerhalten…«

»Ein Gasthaus hinter grenzenlosen, nebelerstickten Meeren zu verbergen – das kann ich begreifen. Was ich nicht begreifen kann, ist, warum ein so vorsichtiges Team einen Neuling angreifen würde, der bei seiner Ankunft Glanz hervorbrachte. Es sei denn, Ihr hegt Verachtung für Glanz, geschmiedet durch heilige Reliquie.«

»Ah. Jetzt erinnere ich mich. Ihr versucht, mein Bewusstsein durch Verhör aufzubrechen, nicht wahr, Reiniger der ›Dämmerlicht‹-Blutlinie?«

Der Offizier hob die Augen, um Waggs verhärmtes, unnachgiebiges Gesicht zu studieren.

»Korrekt. Da Ihr es versteht – kooperiert. Oder Ihr wisst um das volle Gewicht der Konsequenzen.«

Er nickte einem Untergebenen zu. Der Soldat salutierte, öffnete die Tür und kehrte Augenblicke später zurück – mit einer Frau.

»Monica!«

Wagg starrte auf seine Frau, die mit leeren, unkonzentrierten Augen und blauen Flecken, die über ihren Körper leiterartig waren, hereintrieb. Sie bewegte sich wie eine hölzerne Marionette, deren Fäden irgendwo gehalten wurden, wo er sie nicht sehen konnte.

»Setz dich auf den Tisch.«

Monica kletterte mit mechanischem Gehorsam auf die Tischplatte, hockte sich an ihre Kante, ihre ausgemergelten Züge vollkommen ausdruckslos.

Wagg riss an seinen Fesseln und heulte: »Monica! Wach auf!«

Siphas Rosales zog einen Dolch von seiner Hüfte. Er drückte ihn in ihre Handfläche. »Stich dir dein linkes Auge aus.«

Ein Schlag – stumm, unsichtbar, absolut – traf Wagg mitten in die Brust.

Mit einem feuchten, kleinen Geräusch sickerte ein ausgefranster Faden des Schmerzes aus der Kehle der Frau. Sie streckte ihre Hand aus – noch immer die glänzende, blutverschmierte Klinge und das Auge haltend – dem Steffen-Offizier neben ihr entgegen und bot es dar.

Wagg spürte, wie sein gesamter Leib Feuer fing, als gedenke er, den Mann lebendig zu verschlingen.

»AAAAAAAH!«

Der Mann am Tisch wischte die Klinge mit einem Taschentuch sauber. »Ob Ihr sprecht oder nicht, ist kaum noch relevant – sie haben mir bereits jeden Fetzen Geheimdienstinformation gefüttert, der es wert ist, zu haben. Das einzige Bedauern ist, dass Ihr wahrhaftig nicht ein einziges Gasthauszimmer in diesem Monat in die Realität eingeladen habt. Wie… zufällig.«

Ein Fingerschnippen. Monica erhob sich vom Tisch wie ein dressiertes Tier.

Das Moxel beäugend, das verzweifelt über Waggs Brust flackerte, stieß Siphas Rosales ein leises, verächtliches Schnauben aus. »Erspart es Euch. Achtzig? Hundert? Mehr Nebelvolk als Ihr sind in genau diesem Stuhl eingesperrt worden. Seid dankbar. Sitzt still und wartet, bis die Gasthauszimmer-Laufzeit abläuft. Wir gehen.«

Blut strömte noch aus der leeren Höhle, wurde Monica von zwei Soldaten hochgehoben und auf den Boden gesetzt. Erst dann ging sie – steif, mit gliederpuppenhaften Beinen – dem Offizier durch die Tür hinterher, Waggs hasserfüllte Flüche hinter ihr klingend.

In dem Augenblick, als die Tür aufschwang, begannen die Lichter zu flackern.

Siphas Rosales’ Blick schärfte sich. Ein Soldat murmelte: »Spannungsstoß? Was ist –«

»ALLE, KERZEN!«, bellte der Vernehmer. »Vergesst die Spannung! Zündet alles an, was brennt! Augen auf den Gefangenen – kein BLINZELN!«

Zu spät.

Die Lichter flackerten erneut, und in jenem zerrissenen Schein verdrehte sich Monicas Silhouette zum Albtraum. Ein leises, fadenscheiniges Stöhnen hatte die ganze Zeit in ihrer Kehle gesummt. Die wenigen Soldaten bewegten sich schnell, diszipliniert und kämpften, die Kerzenflammen am Leben zu erhalten.

In der pulsierenden Finsternis brachen Kräuselwellen um Waggs Körper, dann wieder, und wieder.

Er kratzte sich dem Gebot entgegen, stürzte sich durch die Verbindung zum Gasthaus – und scheiterte, scheiterte, scheiterte – als das Zimmer mit Licht explodierte und eine dunkle Silhouette, unmöglich vertraut, zwischen ihn und den Schein wogte. »Geh… zurück…«

Waggs Augen hefteten sich auf ihr Gesicht. Das Letzte, was er jemals in seinem Blick einfangen würde.

Sie ähnelte nichts Schönem mehr. Und in dem exakten Augenblick, als sie ihren gebrochenen Leib quer durchs Licht warf, ihre Augen schloss –

Eine donnernde Detonation. Der Körper der Frau barst auseinander.

In genau diesem Zeitsplitter verschlangen die Kräuselwellen Wagg gänzlich.

Das Gasthauszimmer, die Realität überlappend, brüllte ins Dasein. Unter dem Schock der Soldaten und Siphas Rosales’ anstürmender Wut hielt Wagg, durchtränkt von auslöschender Kälte und warmem Blut gleichermaßen, seinen Blick auf das sich wie Wellen auf Wasser auflösende Gesicht und brannte es ins Gedächtnis.

Plumps. Wagg brach auf dem Gasthauszimmerteppich zusammen, beschmiert mit Blut und Fleischfetzen. Er hatte keinen Atem für Worte. Er kratzte sich aufrecht, stürzte auf die Tür zu. Seine blutverschmierte Handfläche schlug gegen den Türrahmen, und erst da erbebte seine Kehle zur Sprache.

»Yang Buchen. Ich weiß, dass Ihr da draußen seid. Ich bin bereit, Euch das gesamte –«

Er hielt inne. Dann:

»Ich werde jedes Zimmer im vierten Stock abtreten. Lasst mir eines. Ich muss meine Frau rächen.«

Er zog die Tür auf. Draußen standen »Yang Buchen« und mehrere andere, einer von ihnen so zerlumpt, dass er wie ein Bettler aussah, der seit Tagen nichts gegessen hatte.

Vor der schweren Holztür starrte Yang Zicang Wagg an: blutdurchtränkt, stinkend, ausgesaugt.

»Ich will das ganze Gasthaus.«

»Ich werde Euch nicht belügen – ich habe bereits einige der Schlüssel verteilt, genau um dem vorzubeugen. Wenn Ihr wollt, dass das Bieten ins Chaos stürzt, versucht Euer Glück.«

Yang Zicang hielt Waggs aschfahlem, grimmigem Blick stand. »Was ist dann mit dem vierten Stock, den Ihr gerade angeboten habt? Könnt Ihr ihn mir jetzt geben?«

»Den vierten Stock«, nickte Wagg, dann verzerrte sich sein Gesicht. »Mit Ausnahme von Zimmer 410. Dieses Zimmer gehört einem Kraftpaket, das wir über alle anderen schätzen – das einzige Zimmer auf der gesamten Etage, das bereits weggegeben wurde.«

Yang Zicangs Handfläche krachte gegen den Türrahmen.

»Wie stark?«

»Sehr. Ungefähr… null-Komma-sieben-acht eines Soldaten. Und makellos auf die Geschichtsmerkmale jenes Zimmers abgestimmt.«

Yang Zicangs Herz setzte aus.

»Du hinterhältiger kleiner Liebling, du Bastard!«

…

Südwestlich von Hevenchat, tiefer im Inneren des Kontinents, weit jenseits der Ji-Suo-Berge, die den tödlichen Frost zurückhielten, brodelte eine Nation im Chaos.

Ein schwarzer, gewichtiger Wind messerte zwischen den harten Steingebäuden von Kuji-Stadt.

Zwei Gestalten in schwarzen Trenchcoats schritten aus dem großen Eingang des Niuzike-Hotels. Eine Banknote als Trinkgeld für den Portier. Sie wandten sich, um einer elegant aufrechten Frau Lebewohl zu sagen, die ihnen nach draußen gefolgt war.

»Verwalterin Wandleon, ich hätte es genossen, die vom Truppenrückzug zurückgelassenen Vermögenswerte in weitaus größerer Länge zu besprechen. Schade, dass Euer Geschäft viel zu florierend für solche Genüsse erscheint.«

»Ein andermal, Madame. Wahrlich, die Angelegenheiten waren in letzter Zeit erdrückend. Wäre da nicht Zhan Jixins Einführung gewesen – ich hätte vielleicht sogar dieses Treffen verschieben müssen.«

»Hoho.« Ein verschleiertes Lachen, zierliche Finger bedeckten ihren Mund. »Verwalter Wan ist zu bescheiden. Bis zum nächsten Mal also.«

Wandleon nickte dem Assistenten neben ihm zu. Die zwei verschwanden in dem plötzlichen Messerwind.

Im Gehen zog der Assistent ein Dokument aus seiner Umhängetasche. Er öffnete seinen Überzieher, holte eine kleine Parfümflasche aus einer Innentasche, schüttelte ein paar Tropfen heraus und arbeitete mit lederbehandschuhten Händen die Flüssigkeit gleichmäßig über die Seite.

Überlappende Schrift blutete ins Papier und löste sich in eine Karte auf.

»Das ist die Geheimdienstinformation, die sie Wandleon übergeben wollte. Lasst uns bewegen, schnell.«

Sie warfen sich in ein Fastback-Auto, das am Bordstein geparkt war. Make-up abgewischt, falsche Bärte abgerissen – »Wandleons« mittelaltes Gesicht schälte sich ab, um etwas Junges und Klingenscharfes zu enthüllen.

Die Narbe quer über die Stirn des jungen Mannes war wesentlich verblasst. Kein anderer als »Zorro« Rosso.

-[Distributor Mai · Fengni erwartet meine Lieferung.]

Der Motor brüllte. Das Auto riss davon. Auf dem Beifahrersitz stopfte Rosso die kritische Geheimdienstinformation tief in seine Kleidung, streifte den gewechselten Außenmantel ab und schleuderte ihn einem Obdachlosen zu, der gegen den kalten Wind gestemmt war.

»Macht Euch bereit, Herr Distributor. Wir kommen.«

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